Montag, 17. Oktober 2011

Reinwaschen.



Im Hinduismus glaub man die Wiedergeburt. Jeder Hindu besteht darauf schon mehrere hundert Leben auf dieser Welt verbracht zu haben. Um nach dem Tod ein besseres Leben als das Vorangehende zu führen, sollte man im Hier und Jetzt seinen Mitmenschen Respekt und Liebe schenken, ausreichend Gutes tun und sein Ego zurückschrauben – kurz die Seele reinwaschen. In Indien hat dieser Prozess einen Namen: Karma.

Auch ich bemühe mich hier auf meine „Karmabank“ nur Gutes einzuzahlen. Das mit dem Respekt klappt schon ganz gut, mein Ego nicht ständig heraushängen zu lassen ist nicht immer einfach, aber allen Menschen mit Liebe zu begegnen ist echt harte Arbeit! Auf der Straße oder an öffentlichen Plätzen wirst du als weiße Frau regelmäßig angeglotzt. Ich habe es schon ein bisschen satt von kichernden Männern eingekreist zu werden und bin besonders empfindlich wenn ganze Busladungen auf mich herunter starren. Auch bin ich nicht so ein Fan davon, wenn Lastwagenfahrer ihre Begleiter anrempeln, damit auch sie einen Blick von der weißen Frau abkriegen. In solchen Situationen hält sich meine Nächstenliebe in Grenzen, viel eher liegen mir Worte wie „F*** dich“ oder andere Flüche auf der Zunge. Auch haben die Inder keine Scham wenn es ums Rülpsen und Furzen geht. Frei nach dem Motto „Was raus muss, muss raus“ kommt es nicht selten vor, dass die Frau im Supermarkt lautstark furzt und sich nichtmal jemand nach ihr umdreht – völlig normal hier. Leider genauso alltäglich ist das öffentliche Urinieren der Männer. Sie pissen an den Straßenrand, gegen Hauswände, in jeden Park. Dazu kommt ihre große Liebe zum eigenen Geschlecht, die sie, zu meinem persönlichen Leidwesen, auch gern zur Schau stellen – hier haben mehr Typen die Hände an ihren Schwänzen als bei einem Hip-Hop Konzert.

Diese Überdosis männlicher Aufmerksamkeit erschwert allumfassende Liebe, Vergebung und Verständnis gewaltig. Nichts desto trotz versuche ich den Menschen hier mit Respekt gegenüber zu treten und ich wurde schon oft mit Süßigkeiten und einem Lächeln dafür belohnt.

Man darf Indien nicht vorzeitig als spirituelles Land aufgeben. Wenn man sich die Zeit nimmt einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und die Dinge zu hinterfragen, wird man merken, dass Indien eine religiöse Nation ist, die ihren Glauben bereitwillig teilt. Es ist das Land der vielen Kulturen, Sprachen und Wege zu Gott.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Indiens größter Reichtum, seine Vielfalt und Toleranz, auch in Zukunft Bestand hat.

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