Sonntag, 4. Dezember 2011

Kumily – Kollam - Varkala

In letzter Zeit war viel los im Ashram. Sai Babas Geburtstag wurde mit Konzerten, Theateraufführungen und Gastauftritten indischer Musiker gebührend gefeiert. Um all dem Trubel zu entfliehen habe ich kurzerhand beschlossen mit Alex und Stefan für ein paar Tage zu verreisen. Sozusagen Urlaub im Urlaub – und genauso großartig wie sich das anhört war es dann auch!
Die erste Station war Kumily und damit das „Periyar Wildlife Sanctuary“. Die Busfahrt dorthin war nicht die komfortabelste, aber ich bin schon lange genug in Indien um das schon im Vorhinein gewusst zu haben. Trotzdem waren die acht Stunden Fahrt über holprige Straßen, die mehr aus Schlaglöchern als aus Asphalt bestanden, nicht sehr angenehm. Auch die steil ansteigende Serpentinenstraße kurz vor unserem Ziel (Kumily liegt in den Bergen) hätte der Fahrer unseres, wie immer überfüllten, Busses ruhig langsamer fahren können. Nichts desto trotz sind wir gegen Abend hin heil in Kumily angekommen.
Das Tierschutzgebiet zieht ganze Scharen von Touristen an, deswegen fiel es uns leicht ein passendes Zimmer für die kommenden Nächte zu finden.
Die Zeit verging wie im Flug während wir sowohl zu Fuß als auch mit dem Boot die Gegend erkundeten. Die Tiger, mit denen überall geworben wird, haben wir leider nicht gesehen und auch nicht ein Elefant, von denen es dort so viele geben soll, ließ sich blicken. Dafür konnten wir Büffel, Affen, Rieseneichhörnchen, Schlangen, Spinnen so groß wie meine ganze Hand und viele verschieden Vogelarten beobachten. Außerdem hatten wir einen Nachmittag lang einen Guide, der uns auf Tee- und Gewürzplantagen herumführte und uns auch eine Teefabrik von Innen zeigte. Dieser Tag gefiel mir besonders gut, da die Teeplantagen so schön anzusehen sind und es die ganze Zeit über so herrlich geduftet hat.
Die ganzen Tage über haben wir uns mit westlichem Essen verwöhnt, was in einem Touristenort wie diesem überhaupt kein Problem war. Das erste Abendessen blieb mir besonders in Erinnerung: Als ich da vor meinen Spaghetti Bolognese saß, das Besteck in der Hand, ein Glas Wein vor mir und am Nebentisch Leute die Deutsch sprachen wurde mir bewusst wie natürlich und alltäglich das Leben im Ashram für mich bereits geworden war. Jetzt plötzlich Nudeln mit Fleisch anstatt von vegetarischem Reis, mit Besteck an Stelle von meinen Fingern zu essen und dazu auch noch Alkohol zu trinken neben weißen deutschsprachigen Menschen, die ich nicht (!) kannte, war direkt fremd für mich. Doch ich genoss das Gefühl und obwohl ich mitten in Indien war, fühlte ich mich ein bisschen wie zu Hause in Österreich.
Unsere Woche in Kumily verging schnell und schon hieß es Abschied nehmen, da Alex und Stefan zurück ins Ashram fuhren, während ich meine Reise fortsetzte. Nach einer weiteren acht stündigen Busfahrt traf ich mich mit Renate und Tabea in Kollam. Von dort aus war eine Hausboottour auf den Backwaters von Kerala geplant. Früh am nächsten Morgen bestiegen
wir unser Bötchen, das außen beinahe komplett mit Bambus verkleidet war. Die eintägige Fahrt war wunderschön! Wir drei Mädls hatten das Boot ganz für uns allein und auch noch einen Koch und einen Kapitän. Es ging zuerst über einen großen See und dann vorbei an Tempeln, kleinen Dörfern und dichtem Dschungel. Als die Wasserkanäle dann enger wurden wechselten wir für einige Stunden auf ein kleines Kanu, das uns sicher durchs Unterholz brachte. Unser einziges Pech war das Wetter. Doch von dem bisschen Nieselregen ließen wir uns nicht abhalten.
Nach diesem tollen Erlebnis ging es für uns drei weiter ans Meer. In Varkala fanden wir ein echt nettes Zimmer, mit Veranda mit Meerblick. Das Wetter war leider nach wie vor nicht berauschend, aber für ein bisschen Strandfeeling und einen ordentlichen Sonnenbrand hat es allemal gereicht!
Die Tage flogen nur so dahin und wir ließen uns einfach treiben; spät frühstücken, am Strand liegen, baden, lesen, auf der Uferpromenade bummeln, Kartenspielen, Abendessen, Cocktails trinken,… Kurz es war ein toller Urlaub! Und genau mit diesem Gefühl fuhr ich zurück ins Ashram, zu meinen Kindern auf die ich mich auch schon wieder sehr freute. Im Gepäck ein paar Muscheln, Ansichtskarten und jede Menge schöner Erinnerungen.






Dienstag, 8. November 2011

Ein wunderbarer Tag.

Gestern waren wir auf einer Hochzeit in Tirunelveli eingeladen. Da die Hochzeit nur in kleinem Rahmen abgehalten wurde, war sie nicht so aufregend wie erwartet und überhaupt kein Vergleich zu den Bollywoodfilmen. Trotzdem war es ein wunderbarer Tag!
Gleich in der Früh ging es mit dem Kleinbus los, nur Traude, Vishu und wir Freiwilligen. Dort wurden wir dann von Freunden des Brautpaars in deren Haus zu Tee und Snacks eingeladen. Zusammen gingen wir dann in den nahen Tempel, wo die Hochzeit abgehalten wurde und danach weiter in eine Art „Hochzeitshalle“ um Mittag zu essen. Den Nachmittag verbrachten wir Freiwilligen dann in DEM indischen Shoppingtempel (was für uns der eigentliche Höhepunkt des Tages war). Dieser bietet 3 Stockwerke vollgestopft mit indischem Gewand, Unterwäsche, Kosmetikprodukten, Stoffen und Indern, Indern, Indern.
Hier in Indien ist soetwas „westliches“ wie ein Einkaufscenter eine wahre Attraktion! Die waren wir Weißhäutigen allerdings auch recht bald! Jeder wollte mit uns reden, uns bedienen unsere Namen wissen. Kinder wollten uns anfassen und ich wurde von mehreren Familien zu ihnen nach Hause eingeladen. Wir verbrachten Stunden damit Chuditas zu probieren, Hemden aus zu suchen und uns Sari Stoffe zeigen zu lassen. Ich war, wie anzunehmen war, überaus erfolgreich :D Total erschöpft, mit müden Beinen, aber einem Chudita, zwei Oberteilen, zwei Hemden und einem Sari in der Tasche gings danach wieder nach Hause.

Auf der der fast 2 stündigen Heimfahrt waren wir alle so gut gelaunt, dass wir ohne Unterbrechung sangen. Jedem dem ein Lied einfiel stimmte es an und so vermischten wir indische Mantras mit österreichischer Chart-Musik und alten Schlagern. Die Stimmung war so ausgelassen, es war einfach perfekt.
Als es schon dunkel wurde legten wir noch einen kurzen Zwischenstopp in einem Tempel ein um den dort lebenden Elefanten Vali zu füttern. Dieses prächtige Tier ist trotz seiner Größe und Stärke so einfühlsam und intelligent,... ich war ganz sprachlos! Die Bananen die wir ihm gaben, konnte er mühelos nur mit seinem Rüssel schälen. Und auch von den Ästen pickte er sich nur die besten Blätter herunter. Als ich vor ihn trat, legte er mir ganz sanft seinen Rüssel auf den Kopf, wie um sich zu bedanken.

Tage wie dieser, an denen alles passt und man rundum glücklich ist, gibt es in letzter Zeit viele!

Sonntag, 23. Oktober 2011

Regentanz.


Nach vielen Tagen unendlich schwueler Hitze hat es vor ein paar Tagen erstmals wieder Regen gegeben. Angekündigt wurde er von riesigen, dunklen Wolkentürmen aus denen die Blitze beinah um die Wette empor schossen. Der ganze Himmel wurde regelmäßig davon erleuchtet. Dazu kam ein Donnergrollen von einer ohrenbetäubenden Lautstärke, das gar kein Ende zu nehmen schien.
Total begeistert von diesem Naturschauspiel liefen Alex und ich auf die Dachterrasse um den Naturgewalten so nah wie möglich zu sein. Das Licht kurz vor dem Regen war atemberaubend! Es störte uns nicht, als die ersten Tropfen fielen. Schon nach kurzer Zeit verwandelte sich der Regen in einen wahren Sturzbach. Die Luft roch fantastisch frisch und es war fast so, als könnte man die Energie der Blitze, des Donners und der Regentropfen auf der Haut fühlen, die Luft vibrierte… Wie kleine Kinder begannen wir wild am Dach herum zu hüpfen und uns im Takt der Natur und unseres Lachens zu bewegen. Die plötzliche Kühle und Reinheit der Luft tat uns gut. Schon nach Sekunden waren wir bis auf die Unterwäsche durchnässt. Und wegen des starken Windes der aufgekommen war, beschlossen wir, doch wieder hinab ins Trockene zu gehen.
Der Regen verursachte stundenlange Stromausfälle, weswegen wir den restlichen Abend gemeinsam vor unseren Zimmern saßen und im Schein der Kerzen, die wir rund um uns aufgestellt hatten, das Schauspiel auf uns wirken ließen. Es wurde noch ein toller Abend mit vielen guten Gesprächen. Als spät nachts der Regen weiterzog beschlossen wir, dass es auch für uns nun an der Zeit sei ins Bett zu gehen.
Das Licht Sekunden vor dem Regen (unbearbeitet!)

Montag, 17. Oktober 2011

Reinwaschen.



Im Hinduismus glaub man die Wiedergeburt. Jeder Hindu besteht darauf schon mehrere hundert Leben auf dieser Welt verbracht zu haben. Um nach dem Tod ein besseres Leben als das Vorangehende zu führen, sollte man im Hier und Jetzt seinen Mitmenschen Respekt und Liebe schenken, ausreichend Gutes tun und sein Ego zurückschrauben – kurz die Seele reinwaschen. In Indien hat dieser Prozess einen Namen: Karma.

Auch ich bemühe mich hier auf meine „Karmabank“ nur Gutes einzuzahlen. Das mit dem Respekt klappt schon ganz gut, mein Ego nicht ständig heraushängen zu lassen ist nicht immer einfach, aber allen Menschen mit Liebe zu begegnen ist echt harte Arbeit! Auf der Straße oder an öffentlichen Plätzen wirst du als weiße Frau regelmäßig angeglotzt. Ich habe es schon ein bisschen satt von kichernden Männern eingekreist zu werden und bin besonders empfindlich wenn ganze Busladungen auf mich herunter starren. Auch bin ich nicht so ein Fan davon, wenn Lastwagenfahrer ihre Begleiter anrempeln, damit auch sie einen Blick von der weißen Frau abkriegen. In solchen Situationen hält sich meine Nächstenliebe in Grenzen, viel eher liegen mir Worte wie „F*** dich“ oder andere Flüche auf der Zunge. Auch haben die Inder keine Scham wenn es ums Rülpsen und Furzen geht. Frei nach dem Motto „Was raus muss, muss raus“ kommt es nicht selten vor, dass die Frau im Supermarkt lautstark furzt und sich nichtmal jemand nach ihr umdreht – völlig normal hier. Leider genauso alltäglich ist das öffentliche Urinieren der Männer. Sie pissen an den Straßenrand, gegen Hauswände, in jeden Park. Dazu kommt ihre große Liebe zum eigenen Geschlecht, die sie, zu meinem persönlichen Leidwesen, auch gern zur Schau stellen – hier haben mehr Typen die Hände an ihren Schwänzen als bei einem Hip-Hop Konzert.

Diese Überdosis männlicher Aufmerksamkeit erschwert allumfassende Liebe, Vergebung und Verständnis gewaltig. Nichts desto trotz versuche ich den Menschen hier mit Respekt gegenüber zu treten und ich wurde schon oft mit Süßigkeiten und einem Lächeln dafür belohnt.

Man darf Indien nicht vorzeitig als spirituelles Land aufgeben. Wenn man sich die Zeit nimmt einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und die Dinge zu hinterfragen, wird man merken, dass Indien eine religiöse Nation ist, die ihren Glauben bereitwillig teilt. Es ist das Land der vielen Kulturen, Sprachen und Wege zu Gott.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Indiens größter Reichtum, seine Vielfalt und Toleranz, auch in Zukunft Bestand hat.
Mein Name ist Laura, ich bin neunzehn Jahre alt und komme aus Österreich. Jetzt bin ich in Süd-Indien.

Nach genau 4 Wochen kann ich anfangen von Indien und meinen Erfahrungen hier zu berichten. Genauso lange habe ich gebraucht um mich in diesem Land einigermaßen zurecht zu finden; um Freundschaften zu schließen, von denen ich überzeugt bin, dass sie auch nach meinem Aufenthalt noch anhalten werden. Genauso lange hat es gedauert um mich hier richtig wohl und heimisch zu fühlen. Und genau 4 Wochen habe ich gebraucht um meine Empfindungen und unzähligen Eindrücke in Worte zu fassen.

Hier in Indien ist Familie alles! Eine intakte Familiengemeinschaft und viele Kinder bedeuten eine Absicherung, sowohl im Hier und Jetzt, als auch später wenn man das Leben nicht mehr allein bestreiten kann und auf die Hilfe seiner Nachkommen angewiesen ist. Die Familie hält nach Außenhin zusammen und tritt immer als eine Einheit auf.
Trotzdem kommt es vor, dass Kinder allein gelassen werden. Das mag verschieden Gründe haben. Einer davon ist, dass Eltern darauf kommen, dass sie sich ihre Kinder nicht leisten können. Oder aber, die Eltern versterben. In den meisten Fällen landen diese Kinder auf der Straße, ohne Nahrung, Unterkunft und Bildung – ohne Zukunft. Dann beginnt für sie der Kampf ums Überleben. Viele erbetteln sich ihre tägliche Nahrung und bauen sich Hütten am Stadtrand, die zu sogenannten Slums zusammenwachsen. Davon gibt es hier in Indien leider reichlich. Manche Kinder aber haben das Glück in Kinderheimen aufgenommen zu werden. In einem dieser „Kinderheime“ befinde ich mich jetzt. Dem Aum Pranava Ashram. Ich würde einen Ashram als Ort der Gemeinschaft und der Gastfreundlichkeit bezeichnen. Reisende oder Menschen in Not können hier Zuflucht finden und niemand wird abgewiesen. Jeder der kommt, und ist er auch noch so arm, lässt ein bisschen was da. Seien es Nahrungsmittel, Geld oder die eigene Arbeitskraft. Davon und von den vielen Spendern schafft es ein Ashram zu funktionieren. Das Aum Pranava Ashram hat es sich zur Aufgabe gemacht Waisenkinder und Kinder aus den ärmsten familiären Verhältnissen aufzunehmen und für sie zu sorgen. Außerdem bietet es auch alten Menschen eine Unterkunft, die hier friedlich den Rest ihrer Tage erleben dürfen.
Bis Ende Februar werde ich hier gemeinsam mit den Menschen leben, arbeiten und ihre Kultur kennenlernen. In so einer riesigen Gemeinschaft (65 Kinder, 25 alte Menschen, 20 Staff-Mitglieder, 4 Freiwillige und ein Haufen Hunde und Kühe) gibt es immer irgendetwas zu tun. Meine Aufgabe besteht darin, mit den Kindern Englisch zu lernen und ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen.