Sonntag, 23. Oktober 2011

Regentanz.


Nach vielen Tagen unendlich schwueler Hitze hat es vor ein paar Tagen erstmals wieder Regen gegeben. Angekündigt wurde er von riesigen, dunklen Wolkentürmen aus denen die Blitze beinah um die Wette empor schossen. Der ganze Himmel wurde regelmäßig davon erleuchtet. Dazu kam ein Donnergrollen von einer ohrenbetäubenden Lautstärke, das gar kein Ende zu nehmen schien.
Total begeistert von diesem Naturschauspiel liefen Alex und ich auf die Dachterrasse um den Naturgewalten so nah wie möglich zu sein. Das Licht kurz vor dem Regen war atemberaubend! Es störte uns nicht, als die ersten Tropfen fielen. Schon nach kurzer Zeit verwandelte sich der Regen in einen wahren Sturzbach. Die Luft roch fantastisch frisch und es war fast so, als könnte man die Energie der Blitze, des Donners und der Regentropfen auf der Haut fühlen, die Luft vibrierte… Wie kleine Kinder begannen wir wild am Dach herum zu hüpfen und uns im Takt der Natur und unseres Lachens zu bewegen. Die plötzliche Kühle und Reinheit der Luft tat uns gut. Schon nach Sekunden waren wir bis auf die Unterwäsche durchnässt. Und wegen des starken Windes der aufgekommen war, beschlossen wir, doch wieder hinab ins Trockene zu gehen.
Der Regen verursachte stundenlange Stromausfälle, weswegen wir den restlichen Abend gemeinsam vor unseren Zimmern saßen und im Schein der Kerzen, die wir rund um uns aufgestellt hatten, das Schauspiel auf uns wirken ließen. Es wurde noch ein toller Abend mit vielen guten Gesprächen. Als spät nachts der Regen weiterzog beschlossen wir, dass es auch für uns nun an der Zeit sei ins Bett zu gehen.
Das Licht Sekunden vor dem Regen (unbearbeitet!)

Montag, 17. Oktober 2011

Reinwaschen.



Im Hinduismus glaub man die Wiedergeburt. Jeder Hindu besteht darauf schon mehrere hundert Leben auf dieser Welt verbracht zu haben. Um nach dem Tod ein besseres Leben als das Vorangehende zu führen, sollte man im Hier und Jetzt seinen Mitmenschen Respekt und Liebe schenken, ausreichend Gutes tun und sein Ego zurückschrauben – kurz die Seele reinwaschen. In Indien hat dieser Prozess einen Namen: Karma.

Auch ich bemühe mich hier auf meine „Karmabank“ nur Gutes einzuzahlen. Das mit dem Respekt klappt schon ganz gut, mein Ego nicht ständig heraushängen zu lassen ist nicht immer einfach, aber allen Menschen mit Liebe zu begegnen ist echt harte Arbeit! Auf der Straße oder an öffentlichen Plätzen wirst du als weiße Frau regelmäßig angeglotzt. Ich habe es schon ein bisschen satt von kichernden Männern eingekreist zu werden und bin besonders empfindlich wenn ganze Busladungen auf mich herunter starren. Auch bin ich nicht so ein Fan davon, wenn Lastwagenfahrer ihre Begleiter anrempeln, damit auch sie einen Blick von der weißen Frau abkriegen. In solchen Situationen hält sich meine Nächstenliebe in Grenzen, viel eher liegen mir Worte wie „F*** dich“ oder andere Flüche auf der Zunge. Auch haben die Inder keine Scham wenn es ums Rülpsen und Furzen geht. Frei nach dem Motto „Was raus muss, muss raus“ kommt es nicht selten vor, dass die Frau im Supermarkt lautstark furzt und sich nichtmal jemand nach ihr umdreht – völlig normal hier. Leider genauso alltäglich ist das öffentliche Urinieren der Männer. Sie pissen an den Straßenrand, gegen Hauswände, in jeden Park. Dazu kommt ihre große Liebe zum eigenen Geschlecht, die sie, zu meinem persönlichen Leidwesen, auch gern zur Schau stellen – hier haben mehr Typen die Hände an ihren Schwänzen als bei einem Hip-Hop Konzert.

Diese Überdosis männlicher Aufmerksamkeit erschwert allumfassende Liebe, Vergebung und Verständnis gewaltig. Nichts desto trotz versuche ich den Menschen hier mit Respekt gegenüber zu treten und ich wurde schon oft mit Süßigkeiten und einem Lächeln dafür belohnt.

Man darf Indien nicht vorzeitig als spirituelles Land aufgeben. Wenn man sich die Zeit nimmt einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und die Dinge zu hinterfragen, wird man merken, dass Indien eine religiöse Nation ist, die ihren Glauben bereitwillig teilt. Es ist das Land der vielen Kulturen, Sprachen und Wege zu Gott.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Indiens größter Reichtum, seine Vielfalt und Toleranz, auch in Zukunft Bestand hat.
Mein Name ist Laura, ich bin neunzehn Jahre alt und komme aus Österreich. Jetzt bin ich in Süd-Indien.

Nach genau 4 Wochen kann ich anfangen von Indien und meinen Erfahrungen hier zu berichten. Genauso lange habe ich gebraucht um mich in diesem Land einigermaßen zurecht zu finden; um Freundschaften zu schließen, von denen ich überzeugt bin, dass sie auch nach meinem Aufenthalt noch anhalten werden. Genauso lange hat es gedauert um mich hier richtig wohl und heimisch zu fühlen. Und genau 4 Wochen habe ich gebraucht um meine Empfindungen und unzähligen Eindrücke in Worte zu fassen.

Hier in Indien ist Familie alles! Eine intakte Familiengemeinschaft und viele Kinder bedeuten eine Absicherung, sowohl im Hier und Jetzt, als auch später wenn man das Leben nicht mehr allein bestreiten kann und auf die Hilfe seiner Nachkommen angewiesen ist. Die Familie hält nach Außenhin zusammen und tritt immer als eine Einheit auf.
Trotzdem kommt es vor, dass Kinder allein gelassen werden. Das mag verschieden Gründe haben. Einer davon ist, dass Eltern darauf kommen, dass sie sich ihre Kinder nicht leisten können. Oder aber, die Eltern versterben. In den meisten Fällen landen diese Kinder auf der Straße, ohne Nahrung, Unterkunft und Bildung – ohne Zukunft. Dann beginnt für sie der Kampf ums Überleben. Viele erbetteln sich ihre tägliche Nahrung und bauen sich Hütten am Stadtrand, die zu sogenannten Slums zusammenwachsen. Davon gibt es hier in Indien leider reichlich. Manche Kinder aber haben das Glück in Kinderheimen aufgenommen zu werden. In einem dieser „Kinderheime“ befinde ich mich jetzt. Dem Aum Pranava Ashram. Ich würde einen Ashram als Ort der Gemeinschaft und der Gastfreundlichkeit bezeichnen. Reisende oder Menschen in Not können hier Zuflucht finden und niemand wird abgewiesen. Jeder der kommt, und ist er auch noch so arm, lässt ein bisschen was da. Seien es Nahrungsmittel, Geld oder die eigene Arbeitskraft. Davon und von den vielen Spendern schafft es ein Ashram zu funktionieren. Das Aum Pranava Ashram hat es sich zur Aufgabe gemacht Waisenkinder und Kinder aus den ärmsten familiären Verhältnissen aufzunehmen und für sie zu sorgen. Außerdem bietet es auch alten Menschen eine Unterkunft, die hier friedlich den Rest ihrer Tage erleben dürfen.
Bis Ende Februar werde ich hier gemeinsam mit den Menschen leben, arbeiten und ihre Kultur kennenlernen. In so einer riesigen Gemeinschaft (65 Kinder, 25 alte Menschen, 20 Staff-Mitglieder, 4 Freiwillige und ein Haufen Hunde und Kühe) gibt es immer irgendetwas zu tun. Meine Aufgabe besteht darin, mit den Kindern Englisch zu lernen und ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen.